
Test basiert auf einer Import-Version des Spiels, die aber absolut identisch mit der hiesigen Fassung ist.
Engeln den Hintern versohlen, Tugenden in den Arsch treten und dabei absolut verführerisch aussehen? Das ist das Fachgebiet von Bayonetta, einer Hexe aus dem Clan der Umbra. Bevor sie die Säbel zückt und das große Schnetzeln ernsthaft beginnt, legt das Introvideo nur den zarten Hauch einer Rahmenhandlung auf. Demnach erwacht die Schönheit mit wenigen Erinnerungsfetzen aus einem schier endlosen Tiefschlaf, um sich im Alleingang den himmlischen Heerscharen zu stellen. Dazu benötigt sie das »Auge der Welt«, ein magisches Juwel, das sich offenbar im fiktiven europäischen Stadtstaat Vigrid befindet. Warum, weshalb und wieso überhaupt, all das klärt sich im Spielverlauf.
Letzten Endes bildet die Handlung sowieso nur das Feigenblatt auf dem Körper dieses furiosen Action-Spektakels. Wer »Devil May Cry« kennt, weiß was er zu erwarten hat, schließlich ist Hideki Kamiya – Erfinder jener Spieleserie – auch bei diesem Werk federführend. Da überrascht es nicht weiter, dass erneut vollkommen überdrehte Action im Vordergrund steht, von wilden Kamerafahrten spektakulär eingefangen. Das Geschehen wechselt oft hektisch zwischen der Welt der Menschen und zwei Paralleluniversen hin und her: Paradiso, dem Himmel, und Inferno, der Hölle. Lässige Posen zwischendurch laden zum Durchatmen ein – und natürlich zum genaueren Blick auf Bayonettas scharfe Kurven: hautenges Kostüm, laszive Animationen, mit vier Knarren bewaffnet, zwei in den Händen, die anderen beiden an den hochhackigen Schuhen befestigt – ja, wo Bayonetta auftaucht, bleibt nur Sauerei übrig.
Temporeiche Action
Bayonetta flitzt von Areal zu Areal, von Arena zu Arena, killt Gegner, zerstört magische Barrieren. Das vielseitige Kampfsystem, die ständig wechselnden Angriffstaktiken, die wahrlich atemberaubenden Höhepunkte, das sind die Gründe, warum einen das Ganze nicht mehr loslässt. Jede Begegnung wird durch eine klitzekleine Besonderheit aufgewertet. Das kann ein größerer Zwischengegner sein, ein Zeitlimit, oder auch diverse Minispiele. Eine Motorradfahrt etwa, oder eine reinrassige Schienen-Shooter-Passage, die Erinnerungen an Segas Arcade-Automaten »Space Harrier« weckt – wieder so eine Anspielung. Tja, und dann die Kreaturen: Die himmlischen Heerscharen strömen in dutzenden, ja hunderten Varianten das Bild. Das Design? Großartig, abwechslungsreich und oft völlig verblüffend! Wer bitte, außer völlig losgelösten Japanern, kommt denn auf die Ideen, deformierten Kreaturen aus rohem Fleisch Keramikmasken aufzupflanzen, die mal Bildnisse aus der Antike zum Vorbild haben, mal kindliche Puppen-Gesichtszüge tragen? Nur um das ganze Design teilweise später komplett über Bord zu werfen, um Platz zu machen für maschinenhafte Gegner. Etwa fliegende Schlachtschiffe, die Bayonetta mit Raketen beharken. Ein weiteres Highlight sind die fünf Bossgegner, von denen vier in Form der vier Kardinaltugenden Iustitia, Fortitudo, Sapientia und Temperantia auftreten. Wesen, so groß wie ein Hochhaus. Jeder Kampf umfasst mehrere Stufen und Höhepunkte und bildet jeweils eines der insgesamt 14 Kapitel. Die XXL-Kämpfe sind weniger taktisch geprägt, sondern setzen eher auf flinke Reaktion. Die Schwachpunkte des Gegners werden schnell deutlich; also draufhalten, ausweichen, hüpfen, Salto, draufhalten, schnell, schnell, schnell!Wer den Sieg in der Tasche hat, kann danach bei kurzen Zwischensequenzen verschnaufen. Bayonetta, die sich auf dem Rücken eines riesigen Opfers rekelt, nur um ihm anschließend eine Kugel zu verpassen – das haut rein!
Interessant auch die technische Mischung: Mal wird die Handlung mit Hilfe der 3D-Engine erzählt, mal in Standbildern in Diarahmen. Die englischen Sprecher machen ihren Job gut, die fehlende deutsche Sprachausgabe ist allerdings zu bemängeln. Immerhin sind die Untertitel stilsicher übersetzt, gleiches gilt für die Texte in den überall versteckten Büchern. In diesen Aufzeichnungen erfährt man mehr über die Umbra-Hexen und deren Gegenpol, die Lumen-Weisen. Bis auf ein paar entdeckenswerte Extras in den Kulissen ist das Ganze übrigens streng geradlinig strukturiert, dafür aber ohne Längen, Leerlauf und Streckmaterial. Im Lauf der rund zwölfstündigen Spielzeit wird jede Kulisse nur einmal besucht. Man muss sich nicht – wie bei »Devil May Cry 4« – im Spielverlauf mehrmals durch dieselben Schauplätze quälen.
Japanisches Gamedesign
Dass »Bayonetta« stellenweise so atemberaubend ist, hängt auch mit den Kulissen zusammen: Egal, ob man das Stadtzentrum von Vigrid mit seinen engen Gassen und kleinen Marktplätzen durchwandert oder das Halbmond-Tal besucht, das die Umbra-Hexen einst als Traininglager verwendeten – alles wirkt wunderbar stimmungsvoll, ist gespickt mit Details. Besonders toll die Passagen in Paradiso: Blumenmeere, helles, freundliches Licht und strahlender Himmel, klasse! Und die Animationen: herrlich flüssig. Wenn Bayonetta mit laszivem Hüftschwung dem Gegner entgegenstolziert, bevor sie ihn mal eben locker ausknipst, dann sieht das scharf aus und fühlt sich auch so an. Überhaupt: Was die Lady teilweise an Verrenkungen hinlegt, bloß damit sie ihre Gegner stilvoll zur Hölle schickt – unglaublich!Weniger gut gefällt die Tatsache, dass das Spiel den grundsätzlich extrem flüssigen Grafikaufbau mit 60 Bildern pro Sekunde nicht ganz konsequent durchhält. Die gelegentlichen Ruckler sind zwar nicht schlimm, aber eben unschön. Gleiches gilt für den etwas zu häufigen Zeilenversatz. Auch die Ladezeiten zwischen den Kapiteln sind ein Minusfaktor. Beißt Bayonetta ins Gras, geht‘s erst nach rund zwanzig Sekunden am Rücksetzpunkt weiter. Das stört speziell ab Spielmitte, wo der Schwierigkeitsgrad deutlich anzieht.
Und die Musikuntermalung? Überzeugt rundherum. Vom Kirchenchor mit viel Pathos bis hin zum kitschigen Japan-Pop-Gedudel ist alles am Start, was Stimmung macht.Bayonettas Zorn möge uns verschonen, doch die technischen Gebrechlichkeiten sorgen trotz allem dafür, dass dieses hervorragende Beispiel japanischen Gamedesigns die magische Neuner-Grenze in der Wertung verfehlt. Was natürlich nichts daran ändert, dass wir hier über ganz hervorragende Action sprechen, die mit genialem Kampfsystem punktet, mit temporeichem Stil und irre schrägem Look. Kenner von »Ninja Gaiden« oder »Devil May Cry« kommen an dieser Dame nicht vorbei; jeder andere Actionfan eigentlich genauso wenig.
Dieser Test ist zu finden in der Ausgabe 12/2009
Final Fantasy XIII
Mega Man 10
Battlefield: Bad Company 2
kurz & knapp
Hersteller/ Sega
Entwickler/ Platinum Games
Genre/ Action
Spieler/ 1
Xbox Live/ ja
Erhältlich/ 17. Dezember 2009
Hersteller/ Sega
Entwickler/ Platinum Games
Genre/ Action
Spieler/ 1
Xbox Live/ ja
Erhältlich/ 17. Dezember 2009
kurz gesagt
Grandios inszeniertes Action-Feuerwerk mit sexy Heldin
Grandios inszeniertes Action-Feuerwerk mit sexy Heldin
Wertung 360 Live
GRAFIK
Tolles Design, aber kleine Ungereimtheiten
Tolles Design, aber kleine Ungereimtheiten
8
SOUND
Super Soundtrack, Sprecher vom Fach
Super Soundtrack, Sprecher vom Fach
9
STEUERUNG
Flott erlernt, schwer zu meistern
Flott erlernt, schwer zu meistern
8
GESAMTEINDRUCK
Trotz kleiner Macken: geniale Actionkost!
Trotz kleiner Macken: geniale Actionkost!
8.7
Leserwertung
von 6 Leserwertungen
GRAFIK
8
SOUND
7.3
STEUERUNG
7.3
GESAMT-
EINDRUCK
EINDRUCK
7.5
von 6 Leserwertungen
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